In die Mülltonne abgetaucht…Armut in Deutschland


 

geschrieben von Peter Christian Nowak

Ein älterer Mann, sieht jedenfalls älter aus, fährt mit seinem Fahrrad von Papierkorb zu Papierkorb. Ich beobachte ihn. Offensichtlich sucht er darin Leergut, das Leute im Vorbeigehen dort hinterlassen haben.

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Armut taucht in Deutschland oft ab, wird aber manchmal sichtbar, wenn Flaschensammler unterwegs sind.

Ich spreche ihn an. Seit früh morgens sei er unterwegs. Das Viertel sei sein Revier. Er müsse aber aufpassen, dass er im Revier bleibe. Er bekäme sonst Ärger „mit der Konkurrenz“, sagt er mit einem ironischen Lächeln in seinem faltenreichen Gesicht. In „seinem Revier“ kenne er aber jeden Abfalleimer.
Ob er noch beruflich tätig sei, fragte ich ihn.

„Nein, bin schon seit 10 Jahren arbeitslos“, und wer nehme jemanden mit über fünfzig noch, fügte er fast schüchtern hinzu. Seit vier Jahren sammele er Flaschen und bessere sich damit seine Bezüge durch Pfandgeld auf. „Hartz IV“, sagt er, „reicht hinten und vorn nicht.“ Wenigstens eine Schachtel Zigaretten am Tag müsse mit dem Pfand zusammenkommen.

Man sieht sie plötzlich überall im Alltag: Flaschensammler. Junge wie alte Menschen, Männer wie Frauen und sogar Kinder. Sie durchforsten Papierkörbe und Mülleimer und sammeln Pfandflaschen in Rucksäcken und Plastiktüten. Im Sommer sah ich Leute an einem bei mir in der Nähe gelegenen See mit kleinen Plastikeimerchen Brombeeren sammeln. Für den Hausgebrauch? „Nein“, antwortete mir eine kleinwüchsige Frau. „Wir wollen sie verkaufen“.
Armut hautnah.
Man trifft sie in nahe gelegenen Parks, in Bahnhöfen, auf den Straßen wie vor Fußballstadien, frühmorgens wie spät in der Nacht.
Offenbar auch kein großstädtisches Problem. Man sieht die Flaschensammler überall in Deutschland. Da ist jetzt eine Armut, die es vorher nicht gab, und die die Politik ignoriert. Für die Betroffenen aber scheint es keinen Ausweg zu geben…

Und die Zahl derer wächst, die sich mit dem Sammeln von Pfandflaschen ein Zubrot verdienen. Viele ältere Menschen mit gesundheitlichen Problemen. Armut versteckt sich. Erst beim näheren Hinsehen wird sie sichtbar. Es ist diese verdeckte Armut. Die Armut, von der die sprechen, die sie vor der Haustür haben. Das sind die Bewohner in den Quartieren, und die Sozialarbeiter, die tagtäglich mit der „neuen“ Armut konfrontiert sind. Und meist sind es Männer, aber mittlerweile sehe ich auch zunehmend Frauen. Armut ist in der Regel weiblich.
„…nur haben Frauen mehr scheu sie öffentlich zu zeigen“, sagt mir ein Sozialarbeiter
„Die meisten sammeln wegen Hartz IV“, sagt er weiter. „Die Stromrechnung, Lebensmittel, alles ist gestiegen. Die Leute können das mit dem geringen Satz einfach nicht mehr stemmen“.
„Weil die Sozialhilfe abgeschafft wurde“,sagt er. „Ersetzt durch Hartz IV. Die Sozialhilfe hat wenigstens mit der Stromrechnung mitgezogen. Heute wird gerade mal ein kleiner Zuschuss von 26 Eurogewährt. Der reicht hinten und vorne nicht aus. Dann kommt die dicke Jahresverbrauchsabrechnung. Dann droht Stromsperre, wenn die Menschen nicht zahlen können.“

Dann heißt es entweder Essen kaufen, oder Strom bezahlen.

In der Falle.

Und dann wird gehungert, oder man sitzt im Dunkeln. Das Babyfläschchen kann auch nicht mehr warm gemacht werden.
Realität in einem der reichsten Länder der Erde!
Die Konkurrenz der Flaschensammler wächst von Jahr zu Jahr. Die Politik meint: „Die machen das, weil sie nichts anderes zu tun haben. Ist so eine Art Volkssport.“- Das sagt die Politik.
Viele der Politiker sagen gar nichts. Ist denen egal.

„Man muss sich bewegen und mit viel Gymnastik in hohe Mülltonnen abtauchen“, sagt der Mann, bei dem ich immer noch stehe, sprach´s…und radelt davon.

 

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